• Autor: Franz Neumeier
  • Datum: 9. Dezember 2013
  • Kategorie: Journalismus

Was müssen Journalisten heute lernen?

Was Journalisten heute lernen müssen“, will Timo Stoppacher in einer Blogparade erkunden. Danke! Eine höchst spannende und wichtige Frage. Denn statt über Qualitätsjournalismus, Leistungsschutzrechte und Redaktionssterben zu lamentieren, beleuchtet das Thema den einzelnen Journalisten und seine berufliche Zukunft – ein dringend notwendiger Ansatz, der in der oft auf höchst albernem Niveau geführten Diskussion über die „Zukunft des Journalismus“ viel zu kurz kommt.

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Für einen Journalisten ist heute meiner Überzeugung nach dasselbe wichtig wie vor 20 Jahren. Nein, ich bin nicht erzkonservativ und in der Zeit stehen geblieben. Die Grundfähigkeiten eines Journalisten sind, davon bin ich fest überzeugt, heute wichtiger denn je. Was sich verändert, sind die Medien, die Kanäle, die Geschwindigkeit, das Umfeld.

Welche Fähigkeiten helfen einem Journalisten nachhaltig?

  • – Rasches und zuverlässiges Recherchieren
  • – Prüfen und Abschätzen der Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit von Quellen
  • – Ein Gespür für Themen entwickeln (neuer Trend hier: sehr viel Zielgruppen-spezifischer als früher,  da sehr viel stärkere Segmentierung im Internet als beispielsweise in der Tageszeitung)
  • – Die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden (nicht nur bei Themen, sondern in jeder Hinsicht)
  • – Die Fähigkeit, strukturiert und termingerecht zu arbeiten
  • – Der Wille, sich auf Themen einzulassen und sich in die Gedankenwelt andere Menschen hineinzuversetzen, um sich einen halbwegs objektiven Blick auf Sachverhalte zu verschaffen

Auch wenn diese Fähigkeiten in keiner Stellenausschreibung mehr stehen und in Bewerbungsgesprächen nicht mehr vorkommen, für Redaktionen und Verlage scheinbar nicht mehr so wichtig sind: Wir sprechen ja davon, was ein Journalist heute für sich selbst und sein eigenes berufliches Fortkommen tun kann und können sollte. Und da helfen genau diese Grundfähigkeiten enorm weiter. Weil man Entwicklungen besser vorhersehen kann, möglichst wenig Zeit mit nutzlosen Hypes verschwendet (allenfalls eine Weile mitmacht, weil man eben muss, aber nicht seine ganze Seele hineinlegt).

Die so gehypten Social Media Skills sind deshalb nicht weniger wichtig, aber ich halte sie für Sekundär-Fähigkeiten, Teil der Instrumentarien, die zum Publizieren nötig sind, aber nicht die Kernkompetenz für einen Journalisten. Und auch die zunehmend in Redaktionen gefragte Gefolgschaft bei Facebook, Twitter & Co. ist wichtig, aber eben eine Sekundär-Erscheinung, die sich eher aus den genannten Grundfähigkeiten ergibt.

Wenn ich ganz allgemein in der Lage bin, Entwicklungen gut einzuschätzen, starke Themen zu erkennen, die richtigen Prioritäten zu setzen, dann fällt es mir viel leichter, bei Social Media am Ball zu bleiben, ohne mich zu sehr in vorübergehende  Hypes zu stürzen und meinen roten Faden im Berufsleben zu verlieren.

Ich sage bewusst „Social Media“ und nicht „Facebook, Twitter, Instagram“, weil das austauschbare Medien sind, die einem schnellen Wandel unterliegen. Medien, die sehr spezifisch genutzt werden wollen, um sich nicht zu verzetteln. Die beschriebenen Grundfähigkeiten helfen mir dabei, hier den richtigen Mittelweg zu finden.

Auch richtig: Mit dieser Herangehensweise werde ich wahrscheinlich nicht zur Speerspitze jedes neuen Trends werden – bei Facebook & Co werden andere immer mehr „Freunde“ haben als ich, aber auf eine 40-Jahre-Karriere als Journalist bezogen werde ich mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit vom Olymp des aktuellen Hypes in den Abgrund des Nichts stürzen, wenn der Hype, dem ich mich gerade mit Haut und Haaren verschrieben habe, einmal abflaut.

Wer immer noch überzeugt ist, dass ich falsch liege: Auch gut. Wenn kaum mehr jemand klassische journalistische Fähigkeiten lernt und verinnerlicht, tun sich immer mehr Nischen auf, in denen genau diese Fähigkeiten gefragt sind.

Was sich im Beruf des Journalisten (ich nenne es bewusst immer noch nicht „Job“) wirklich ändert ist, dass es noch mehr als früher keine klassischen Karrierewege mehr gibt und jeder seinen eigenen Weg suchen und finden muss. Da gibt es kein Richtig und Falsch. Entscheidend ist, den roten Faden nicht zu verlieren. Dabei helfen – davon bin ich fest überzeugt – vor allem die klassischen journalistischen Fähigkeiten, die ich eingangs beschrieben habe.

  • Comments: 10

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10 Kommentare zu “Was müssen Journalisten heute lernen?”


  1. Timo Stoppacher
    on Dez 9th, 2013
    @ 11:57

    Hallo Herr Neumeier,

    danke für den tollen Beitrag.

    Viele Grüße

    Timo Stoppacher


  2. Sandra Sperber
    on Dez 9th, 2013
    @ 17:42

    Ich widerspreche! Natürlich verändert sich der Job und die nötigen Grundkenntnisse. Was Journalisten heute (dazu)lernen müssen: http://webvideoblog.de/was-journalisten-heute-lernen-mussen/


  3. Franz
    on Dez 9th, 2013
    @ 18:00

    Ich glaube, wie liegen da nicht so weit auseinander. Völlig klar, der Beruf verändert sich und natürlich muss ein Journalist heute viele Dinge können oder lernen, die er früher nicht gebraucht hat. Was ich beschreibe ist das Fundament, das ich als Journalist immer brauche, um drauf aufbauend die jeweils gerade aktuellen Darstellungsformen und Techniken zu nutzen – selbige ich natürlich zusätzlich erlernen und letztlich beherrschen muss, keine Frage.


  4. Sandra Sperber
    on Dez 9th, 2013
    @ 18:05

    Natürlich, eine gute Grundausbildung darf nicht fehlen. Ich bin nur überzeugt, dass Multimedia-Fähigkeiten inzwischen zu den Grundlagen gehören. Z.B. dass man bei der Recherche auch Twitter&Co einbindet und weiß, was man da finden kann.
    Es ist heute wichtiger denn je, sich schon vor oder wenigstens während des Volontariats zu orientieren und vielleicht eine Spezial-Richtung einzuschlagen. Und nicht nur von der Seite-3-Reportage zu träumen.


  5. Bernd-Uwe Schinzel
    on Dez 10th, 2013
    @ 12:27

    Nach fünfzig Jahren Berufserfahrung kann ich mich nur Franzens Meinung anschließen: es ist ein(e) Beruf(ung), kein Job. Und auch heute zählt eine solide GRUND-Ausbildung zum absoluten Muss. Damit meine ich auch ein umfassendes Allgemeinwissen. Es ist immer wieder erschreckend, wenn beispielsweise bei Günther Jauch angehende Journalistinnen und Journalisten mit den einfachsten Fragen nichts anzufangen wissen und mit politischer Unwissenheit glänzen. Doch, auch im Lokaljournalismus gehört eine gewisse Grundkenntnis der Innen- und Außenpolitik zum Gewerbe.
    Ja, auch Sandra Sperber hat Recht mit der Aussage, dass ohne Multitasking heute im Journalismus nichts mehr geht. Mehr denn je ist die „eierlegende Wollmilchsau“ gefragt, ob man nun will oder nicht.
    Viele Berufsanfänger träumen nicht nur von „der Seite 3“, sondern gleich vom „Chefredakteur“, aber die meisten werden nicht mal ordentliche Lokalredakteure. Und der Weg dahin ist mehr als steinig. Grundvoraussetzung für diesen Beruf ist die natürliche Neugierde. Wissen wollen, was hinter einem vordergründigen Ereignis steckt. Nachfragen. Nachbohren. Sich nicht mit banalen Antworten zufrieden geben. Und erzählen können. So schreiben, dass die „Eierfrau von Schweinau“ den Sinn des Testes ebenso versteht wie der Lehrer oder Ingenieur.
    Der Beruf des Journalisten ist eine Rund-um-die-Uhr-Aufgabe. Wer nach der Stechuhr arbeiten will, sollte ein anderes Feld beackern.


  6. Jan-Kristian Jessen
    on Dez 10th, 2013
    @ 15:54

    Ich stimme Franz zu, einen wirklichen Widerspruch erkenne ich in Deinem Blogbeitrag nicht, Sandra. Die aufgezählten Punkte („Rasches, zuverlässiges Recherchieren“, „Quellenkontrolle“ usw) haben an Bedeutung nicht verloren. Die Mittel und Wege dorthin haben sich aber verändert – womit wir zB bei den von Dir genannten Tools wie Twitter wären.


  7. Sandra Sperber
    on Dez 10th, 2013
    @ 18:12

    Lieber Jan-Kristian, lieber Bernd-Uwe,
    ich glaube, es reicht heute nicht mehr „nur“ das grundsätzliche Handwerk zu können. Wer nicht darüber nachdenkt, wie er seine gut recherchierten und schön geschriebenen Artikel präsentiert, wird bald abgehängt.
    Das geht bestimmt noch ein paar Jahre gut, einen Text ins System zu stecken und dann wird er mit irgendeinem Foto gedruckt. Aber langfristig müssen wir ein bisschen weiterdenken und eben etwas mehr Wollmilchsau sein.


  8. Bernd-Uwe Schinzel
    on Dez 10th, 2013
    @ 18:26

    Liebe Sandra,
    die „Präsentation“ von Text und Bild, auch Bewegtbild, ist eine besondere Herausforderung für Blogger oder Ein-Mann/Frau-Agenturen, nicht so sehr für angestellte Journalistin. Dafür gibt es in den Redaktionen Spezialisten. Wobei: auch hier geht die Tendenz hin zum Selber machen. Eigenes Layout am Bildschirm, Auswahl und Platzieren von Bildern neben der Recherche- und Schreibarbeit gehören heute (fast) überall zum Berufsbild dazu.
    Heute ist die Videoreporterin bereits Alltag, die von der Redaktion zu einem Termin geschickt wid, nach Rückkehr ins Haus zunächst einen Beitrag für die Webseite schreibt, dann einen kurzen Bewegtbildbeitrag schneidet und ins Netz stellt und schließlich den Text (mit Foto natürlich) für das Blatt in das Redaktionssystem hackt.
    Was ging es uns doch vor Dekaden noch gut …….


  9. Jan-Kristian Jessen
    on Dez 10th, 2013
    @ 18:26

    Ich glaube immer noch, dass wir inhaltlich der gleichen Meinung sind – ich stimme Deinen Aussagen vorbehaltlos zu.


  10. Institut für Kommunikation in sozialen Medien » Beyond Journalism: Was Journalisten lernen müssen
    on Dez 12th, 2013
    @ 0:30

    […] der Blogparade: Christiane Brandes-Visbeck, Karsten Lohmeyer, Charly and Friends, Peter Welchering, Franz Neumeier, Sandra […]

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